Link verschicken   Drucken
 

Chronik 1994 - 2004

10 Jahre -  Deutsch-Polnische Gesellschaft in Mecklenburg Vorpommern e.V.

 

Resümee und Gegenwart

Jahrzehntelange Erfahrungen als Bürgermeister im saarländisch-lothringischen Grenzraum, Kontakte zum elsässischen Schriftsteller André Weckmann und das Erleben dessen missionarischen Auftretens für eine Kultur der Zusammenarbeit an den Grenzen bewegten den vormaligen Landrat des Kreises Ueckermünde, dorthin führte ihn die deutsche Wiedervereinigung - gut vorbereitet im Dezember 1994 die Deutsch-Polnische Gesellschaft in Mecklenburg-Vorpommern ins Leben zu rufen.


Grenze sei sein Schicksal; einen Steinwurf weit von der französischen Grenze aufgewachsen, von der Nachkriegszeit und der allmählichen Annäherung der Erzfeinde geprägt, widmete er sich in seinem Beruf als Bürgermeister der Gemeinde Gersheim intensiv den praktischen Versöhnungsschritten mit den Nachbarn. Seine Gemeinde wurde zum Synonym für “Grenzgemeinde“.


Sofern es in den Aufbruchsjahren nach 1989 eine Logik gab, so war sein Schritt, sich an der deutsch-polnischen Grenze in den Dienst der Wiedervereinigung zu stellen, nur konsequent und logisch.


Wie oft sind es persönliche Begegnungen, die den Weg in die Zukunftsgestaltung vorbereiteten. Frühe Treffen mit Stanisław Szymaszek, dem langjährigen Bürgermeister der Stadt Pölitz (Police)  auf polnischer Seite leiteten wie von selbst Erfahrungsaustausche auf der kommunalen Ebene ein. Wechselseitige Seminare zum Erfahren der politischen System, Fachseminare, partnerschaftliche Beziehungen der Feuerwehren, Schulen und Kindergärten, Aufnahme der polnischen Sprache in das Programm der Volkshochschule, die Einrichtung einer Kindergartengruppe, in der spielerisch Polnisch gelernt werden konnte, die Gestaltung eines deutsch-polnischen Kinderbuchs von Kinderhand illustriert und die allmählich Herausbildung der Euroregion Pomerania sind die Merkmale einer gewachsenen Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg.


Und dennoch fühlten einige Menschen Defizite im deutsch-polnischen Verhältnis. Zwar strömten tägliche Tausende von Menschen zu den sogenannten Polenmärkten, doch, wie ein Artikel der Frankfurter Allgemeinen titelte, „sie gehen nüber und kommen rüber und doch treffen sie sich nicht“.

 

Am 2. Dezember 1994 gründeten im Grenzstädtchen Ueckermünde zwölf Interessierte, unter ihnen Peter Westphal, der Bürgermeister von Ueckermünde, die Deutsch-Polnische Gesellschaft. Sehr bald fand sie Unterstützung durch angesehene Kommunalpolitiker, wie dem Kreistagspräsidenten Friedrich Lafin und dem Bürgermeister der Stadt Torgelow, Ralf Gottschalk. Bereits nach einem halben Jahr erreichte die Gesellschaft einen Stand von 60 Mitgliedern. Ohne unser Wissen gründete eine Handvoll Dozenten der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Güstrow Mitte 1994 eine Deutsch-Polnische Gesellschaft gleichen Namens.


Deren Aktivitäten waren getragen von einer Kooperation zu einer privaten Verwaltungshochschule in Stettin - sie ist eine Gründung des damaligen Sejm-Abgeordneten Dr. Wlodzimierz Puzyna. Zufällig erfuhren wir von einander. Sehr harmonische Gespräche mit dem Vorsitzenden der Güstrower Gesellschaft, Herrn Prof. Dr. Werner Vomfelde, führten sehr schnell zur Einigung, beide Vereine zu fusionieren. Aufnehmende Gesellschaft wurde Ueckermünde wobei die dynamische Mitgliederentwicklung und die landesweite Verbreitung als bessere Voraussetzung für die künftige Arbeit angesehen wurden.


Am 20. November 1995 fand die erste gemeinsame Mitgliederversammlung statt. Dort erfolgten der Beschluss zur Fusion und die Verabschiedung einer geänderten Satzung, die dem Wunsch der Güstrower Rechnung trug, im Sinne der Satzungsziele eigenständige Initiativen zu entwickeln. Seit dieser Zeit ist satzungsgemäß die Gliederung in Sektionen vorgesehen. Zurzeit arbeiten folgende Sektionen: Schwerin, Mecklenburger Seenplatte, Vorpommern und Rostock-Mittleres Mecklenburg.

 

Vereinszweck ist, die Verständigung und Begegnung zwischen den Menschen der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland zu fördern sowie die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen in allen Fragen des öffentlichen und kulturellen Lebens zu vertiefen. Der Verein soll der Förderung der Verbundenheit, der Toleranz und der Verständigung zwischen beiden Völkern dienen. Infolge eines beruflichen Intermezzos als Geschäftsführer einer Bildungseinrichtung in Süddeutschland leitete Siegfried Wack die Geschicke der DPG drei Jahre von dort bis zu seiner Wiederwahl als Landrat, im reformierten Kreis Uecker-Randow.

 

Doch schon damals nahm die Arbeit der DPG einen Umfang an, der es notwendig machte eine Geschäftsstelle einzurichten und ehrenamtliche Geschäftsstellenleiter einzusetzen. Die Geschäftsstelle ermöglichte eine wesentlich verbesserte Vereinsarbeit. Es war jetzt auch für die Bürger eine Adresse da, an die sie sich mit Fragen und Problemen wenden konnten. Mit dem Bekanntheitsgrad stieg auch die Mitgliedszahl in der Gesellschaft.


Neben Vereinen und Institutionen wie Europäische Akademie Waren, Förderverein Europäische Akademie Külz/Kulice, Landesheimatverband M-V e.V., Paritätischer Wohlfahrtsverband M-V, Europa-Union-Landesverband M-V, Volkshochschulverband M-V, Landessportbund, der Landesverband der Arbeiterwohlfahrt gehören Kammern, große Unternehmen wie Telekom, der Stromversorger e.dis, Remondis Abfallwirtschaft sind Landkreise, Städte, Gemeinden und Ämter sowie Landtags-Bundestags- und Europaabgeordnete aller in M.-V. vertretenen Parteien und zahlreiche polnische und deutsche Bürger Vereinsmitglied geworden.

 

1997 hatten wir bereits einen solchen Bekanntheitsgrad, dass unser Spendenaufruf für die vom Oder-Hochwasser heimgesuchten polnischen Regionen einen Betrag von rd. 150.000 DM einbrachte. Auf Empfehlung der Deutsch-Polnischen Wirtschaftsförderungs-AG, mit Herrn Dr. Klein als dem deutschen Geschäftsführer, wurden damit karitative Einrichtungen unterstützt.

 

Aus der Satzung heraus bestand der Auftrag, Studienreisen nach Polen zu organisieren. Der direkte Kontakt zu Land und Leute in ihrem Umfeld hilft zum besseren Verstehen politischer Vorgänge und vielleicht fremder Verhaltensmuster. Seit zehn Jahren begleitet uns dabei der Warschauer Journalist und ausgewiesen Kenner der deutsch-polnischen Beziehungen. Die Studienreisen sind inzwischen so sehr gefragt, dass von vom zweijährigen auf einen jährlichen Rhythmus übergangen sind.

 

Eines der Höhepunkte im Vereinsjahr ist das Grenzfest, das seit 1996 jährlich gefeiert wird; in den ersten Jahren in Rieth am Stettiner Haff, seit dem Jahr 2000 im Wechsel zwischen dem polnischen Städtchen Nowe Warpno und der deutschen Grenzgemeinde Rieth. Der 1.Mai ist ein festes Datum dafür. statt und hat somit schon einen festen Platz im Veranstaltungskalender gefunden.

 

Die feierliche Grenzöffnung über eine alte Kleinbahnbrücke mit anschließendem ökumenischen Feldgottesdienst, eine Podiumsdiskussion zu wechselnden politischen Themen mit hochrangigen Persönlichkeiten, gemischt deutsch-polnische Kulturdarbietungen und Sportveranstaltungen erfreuen sich immer größerem Interesse und lockten in den letzten Jahren 1500 – 2000 Besucher jährlich an. Zu einer schönen Tradition ist es schon geworden, dass die Landtagspräsidentin des Landes Mecklenburg-Vorpommern am Grenzlauf aktiv teilnimmt.

 

Der 1. Mai 2004 wurde zu einem besonderen Tag in unserer Geschichte. Am Vorabend des Beitritts der Republik Polen zur Europäischen Union feierten Tausende Polen und Deutsche im Zollamtsbereich Linken-Lubieszyn gemeinsam in diesen bedeutenden Tag hinein.


Gemeinsam mit den Landkreisen Police und Uecker-Randow bereitete die Deutsch-Polnische Gesellschaft in Mecklenburg-Vorpommern mit Unterstützung der Euroregion POMERANIA e.V. das Fest vor. Die ausgelassene Feier wurde um Mitternacht nur von ergreifenden symbolischen Akten unterbrochen, die von rührenden Verbrüderungszenen begleitet waren.

 

Zu Beginn der Feier wurde Herrn Wack vom Präsidenten des Sejmik, Herrn Karol Osowski, wegen seiner Verdienste um die deutsch-polnische Zusammenarbeit der „Goldene Greif“ der Wojewodschaft Westpommern verliehen. Damit wurde sein Wirken als Landrat des Kreises Uecker-Randow, als Präsident der Kommunalgemeinschaft Pomerania und als Motor in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft gewürdigt


Zbliżenia- Annäherung - unter dieser Botschaft finden seit dem Jahre 2000 Polnische Wochen in Mecklenburg-Vorpommern statt. Angeregt durch ein Rundschreiben des damaligen und heutigen polnischen Botschafters in der Bundesrepublik, Dr. Andrzej Byrt, fanden wir diese Form, uns an der 1000-Jahr-Feier der Gnesener Begegnung zu beteiligen. Daraus wurde ein Programm. Zbliżenia – das bedeutet ein Aufeinanderzugehen, Annäherung Schritt um Schritt, ein sich allmähliches Kennenlernen, vorsichtig sich dem Anderen öffnen.


Dazu schien uns das Medium Kultur das geeignetste. Über ein breites Kulturprogramm stellten wir in diesem besonderen Jahr die Wojewodschaft Großpolen um Posen und Gnesen herum vor. Kultur in allen Ausprägungen, von Literatur über Sport bis hin zu Folklore stand auf dem Programm, das in etwa 70 Veranstaltungen flächendeckend im Land organisiert wurde.


Ziel ist es das immer noch etwas schwerfällige und nicht selten historisch belastete Verständnis füreinander zu erleichtern, Vorurteile durch Kulturveranstaltungen und Gesprächsangebote aufzulösen Es gilt kulturelle Einstellungen, Lebensweisheiten und Mentalitäten der polnischen Nachbarn den Bürgern von Mecklenburg-Vorpommern nahe zu bringen -  ausgehend von der Erkenntnis, dass Polen landschaftlich wie kulturell sehr vielfältig und vielschichtig ist. Uns begleitet dabei Jean Monet, der große Europäer. Jahre nach Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gestand er, besser mit der Kultur statt mit der Wirtschaft begonnen zu haben.


So ist das Konzept zu verstehen, in jedem Jahr eine der 16 Wojewodschaften in an verschiedenen Veranstaltungsorten im Lande vorzustellen. Nach der Wojewodschaft Wielkopolska folgen die Wojewodschaften Lubelskie, Zachodniopomorskie, Pomorskie und Lubuskie. Ständiger Schirmherr ist der Polnische Botschafter in der Bundesrepublik, der jeweilige Marschall und der Landtagspräsident/In von Mecklenburg-Vorpommern. Diese Regel wurde nur einmal durch die Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten durchbrochen.


Die Konzeption war für die Politik und auch die Wirtschaft so überzeugend, dass wir Spendengelder im sechsstelligen Bereich einwerben konnten. Die organisatorischen Anforderungen sind jedoch so angewachsen, dass die Arbeit in der Gesellschaft nicht mehr nur ehrenamtlich bewältigt werden kann. Seit Jahren kümmern sich hauptamtliche Kräfte um die Vorbereitung des umfangreichen Programms.


Ein wichtiges Satzungsziel, nämlich die Förderung der polnischen Sprachen haben wir bei den erwähnten Aktivitäten nie aus dem Auge verloren. Dank der langjährigen stellvertretenden Vorsitzende, Frau Małgorzata Schade, entwickelte sich der Polnischunterricht von zaghaften Versuchen im Jahr 1992 zu einem Renner in der Volkshochschule Uecker-Randow. Über 300 Teilnehmer meldeten sich im Jahr 2004 zu den Sprachkursen. Damit wird eine gute Tradition der Intensivkurse der Sommerschule in der Jagiellonen-Universität Krakau fortgeschrieben – sie wurden einige Jahre von Deutsch-Polnischen Gesellschaft organisiert.


„Lerne die Sprache des Nachbarn“ als Thema der politischen Diskussionsrunde beim Grenzfest in Rieth belegen ebenso wie anlässlich der 3. Polnischen Woche das Forum  „Die Sprache, eine Brücke auf dem Weg zum Nachbarn“ in Pasewalk, dass dieser Schlüssel zur Kultur des Nachbarn von noch mehr Menschen entdeckt werden muss. Aber nicht nur darum geht es; das Erlernen einer Fremdsprache ist auch ein Zeichen des Respekts für andere Nationen. Jacques Delor, der langjährige Kommissionspräsident der EU brachte es sehr gefühlsbetont auf den Punkt: „Si tous les Français se mettaient à apprendre l´Allemand, quel formidable acte d´amour se serait!“


Die beschriebenen Aktivitäten haben eine erhebliche Breitenwirkung, die dazu führt, dass unsere Geschäftsstelle und die Mitglieder des Vorstands insbesondere für Anliegen im unmittelbaren Grenzbereich angesprochen werden. Nicht selten richten polnische Kommunen Bitten an uns, bei der Vermittlung von kommunalen Partnerschaften behilflich zu sein. Seit Jahren sind wir gefragte Kooperationspartner für EU-Projekte auf polnischer Seite.


Mehrmals im Jahr sind wir Mitveranstalter von Seminaren und Worksshops der politischen Stiftungen im Lande. Obwohl nicht unsere primäre Aufgabe, wenden sich Unternehmen an uns, um Kontakte zur polnischen oder deutschen Seite vermittelt zu bekommen. Diese Nachfragen haben noch dem 1. Mai 2004 merklich zugenommen. Wir müssten lügen, wenn die publizistisch hochgespielten und auf dem politischen Parkett für Irritation sorgenden Themen, wie Denkmal gegen Vertreibung, Preußische Treuhand u. a. sich negativ auf unsere Arbeit ausgewirkt hätten. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass in der Bevölkerung besonders die Umtriebe der Preußischen Treuhand für Erregung sorgten. Dem bisher guten Klima in der Politik hat es auf jeden Fall geschadet.